Fressen

arrivee_loups_noirs_03.03.2015_79

Chantal, eine dünne, blonde, zwanzig-jährige Frau. Helen, eine kurze Brunette mit einem ernsten Gesicht. Ypsilon, ein kleiner Hund.

Ein Wohnzimmer mit einer Tapete, die total lustig aber auch irgendwie bedrohend aussieht: diese Farbe, diese Motive, waren einmal die letzte Mode. Die beweist, dass alles schwindet dahin und sich verändert. Draußen hört man das undeutliche Geräusch eines Schusswechsels.

Chantal läuft herum. Ypsilon schläft. Sie sieht ängstlich aus. Regelmäßig hört sie plötzlich auf zu laufen, als würde sie etwas erwarten und zuhören.
Helen kommt plötzlich rein, als wäre sie verfolgt. Chantal ist nicht erstaunt.

1. Am ersten Tag

Chantal: Mon cœur
Helen: Schatz
(sie umarmen sich)
Chantal: Keine milice?
Helen: No

(Helen nimmt einen Messer aus ihrem linken Stiefel).

Chantal: Ich wunderte mich, wo es steckt.
Helen: Ich wollte careful sein
Chantal: Hast du etwas gegessen?
Helen: Noch nicht
Chantal: Ich habe zwei Pfirsische auf dem Schwarz Markt gekriegt
Helen: Ich nehme ein Viertel, merci
(Chantal schneidet einen Pfirsich ein und gibt eine halbe Helen. Sie merkt es und küsst die Hand Helens.)
Chantal: Und?
(Helen geht zu Ypsilon und nimmt ihn in der Armen)
Helen: Well…
Chantal: Well?
Helen: Verzeih mich
Ich habe failed
Es hat nicht geklappt
Chantal: Das kann nicht sein
Helen: Mon cœur
Chantal: Das kann nicht sein
Helen: Ich habe alles versucht
Das Parlament wollte nicht zuhören
Chantal: Und was sagen sie jetzt diese
Motherfucking war-mongerers
Kindlose, herzlose fuckheads?
Helen: Sprich doch nicht zu laut
(Pause)
Sie sagen sie gehören zum Wald
Die Wölfe sollen zurück in die Wälder

Chantal: Welchen Wald?
Helen: Ich weiß es nicht
Chantal: Der Idee eines Waldes, maybe?
Helen: Wir haben stundenlang debattiert
Chantal: Ich glaube dir nicht
Ihr solltet gestern nachmittag das Konflikt Budget abstimmen
Ihr hattet keine Zeit
Helen: Das Gesetz wird morgen abgestimmt werden
(Pause)
Was konnte ich tun?
Chantal: That’s it, ja
Du konntest nichts machen, dass sie dir zuhören
Helen: Calm down
S’il te plaît
Lass dich nicht ärgern
(Chantal liegt sich auf den Boden)
Chantal: Hörst du?
Helen: No – Nein
Chantal: Der weißt schon
(Die beide schweigen für eine Minute. Dann hört man den langen, wehlklagenden Ruf eines Wolfs)
Helen: Das ist so schön
(Chantal steht wieder auf)
Chantal: Wie kann man so tun, als wäre er nie hierher gekommen?
Ich habe ihm tief in die Augen geschaut
Ich habe keinen Wald gesehen
Der gehört jetzt zur Stadt
Helen: You know, dass ist nur eine Frage der Perspektive
Und wie weit man zurück in der Geschichte guckt
Mon coeur
Chantal: Wie lange man schon kein monster mehr ist
Helen, was können wir jetzt tun?
Der erste Wald liegt an der anderen Seite des Konflikts
Wo können wir ihn loslassen?
Helen: Ich muss mir das überlegen
Ich bin so müde
Lass uns schlafen
Chantal: Immer schlafen
Und von Wälder traumen
Wenn draußen die Welt zerfällt
Helen: Komm neben mich

2. Am zweiten Tag

Helen und Chantal, im Bett liegend.

Helen (an Ypsilon): Ich habe getraumt Der war nicht mehr da im Käfig
Dass er die Augen geschlossen hatte Und es nur so, geschafft hätte
Zu fliehen

Comme par magie
Hopla
(Schaut Chantal an) Siehst du wie sie schläft? Der Schatz

Sie hat keine Ahnung von Ihrem Glück Wir leben schon zu lange im Konflikt Sie hat vergessen, was es heißt
Frei zu laufen
Ohne ein Messer um vor der milice sich zu verteidigen
Chantal (murmelt): Und der Haifisch, der hat Zähne Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht
Helen: Ich glaubte du schläftest noch
Chantal: Wie wäre es, wenn wir das Auto der Nachbarin leihten
Er steigt ein
Und wir fahren nach Süden
vier Stunden lang
Wir kommen dahin, wo der Wald anfängt
Und da
Und da
Helen: And what?
Die Nachbarin hat kein Benzin in ihrem Auto
Chantal: Du kannst Benzin beim Parlament kriegen
Habt ihr keine Benzinreserve?
Helen: Du bittest mich
Meinen Status auszunutzen
Ich kann das nicht tun
Chantal: Wir können ihn retten
Wenn das Gesetz abgestimmt wird
You know
Was passieren wird
Helen: Das liegt nicht in unseren Hände
Chantal: Was ist seine Schuld?
Zu weit zu laufen
Zu schnell zu laufen
Allein in der Stadt angekommen zu sein
Helen: Hungrig in der Stadt angekommen zu sein
Wo so viele schon hungrig sind
Und unsere Sicherheit verlässlich
Chantal: Mon cœur
Du kannst eine Lösung finden
Es kann nicht sein, dass wir ihn verlassen
S’il te plaît
(Chantal nimmt Ypsilon in den Ärme)
Ist er nicht ein Bruder Ypsilons?
Helen: Dieses Argument wird das Parlament nicht berühren
Chantal: Dann ist das Parlament nutzlos

(Chantal lässt Ypsilon aus ihrer Ärme fallen. Er jammert.)

3. Am dritten Tag
Chantal (an den Wolf): Ich erinnere mich, wie du vertrauensvoll zu mir kamst
Als ich vor dem Haus stand
Ich konnte nicht schlafen
Ich schaute den Mond an
Trotz des Geräuschs des Konflikts
Wir waren beide so allein
Deswegen hast du mir sofort gefallen
Und ich habe gefühlt, dass ich für dich verantwortlich war
Vielleicht sind wir schon einmal zusammen gereist
In meinem Kopf
Als ich noch im Süden lebte
Habe ich mir dich ausgemalt
Du bist mir nicht fremd
Sondern ungewöhnlich gleich
Die, die das nicht verstehen können
Haben ein Uhr im Herz
Helen (an Chantal): Avec qui tu parles ?
Mit wem sprichst du?

4. Am Vierten Tag

(Helen kommt nach Hause atemlos. legt das Messer auf eine Stuhl. Chantal ist nicht da. Helen seufzt. Eine Pause. Dann beginnt nach Ypsilon zu suchen.)
Helen: Ypsilon?
(Sie guckt in jedem Ecke des Wohnzimmers)
Helen: Ypsilooon?
(Chantal kommt rein, mit blutigen Hände, sie ist sehr ruhig. Helen erschrickt.)
Chantal: Du bist früh
Helen: Morgen sollen wir vierzehn verschiedenen Maßnahmen diskutieren
Ich brauche ein bisschen Ruhe
Chantal: Ist das Gesetz abgestimmt geworden?
Helen: Leider, ja
Chantal: Dann bedaure ich nichts
Helen: Was meinst du dabei?
Chantal: Ich habe ihn getötet
Und seine Fleisch
Habe ich weggeworfen
Helen: Wir hätten Ypsilon mit dem Fleisch ernähren können
Sogar uns
Fehlt dir nicht etwas fleischig zu essen?
Chantal: Den einen zu essen, der uns fressen sollte
Das klingt zu perfekt
Ich überlasse das den Politikern
Helen: Ma petite
Est-ce que tu es triste ?
Chantal: I’m not sad

I’m silent
Wie konnten wir ihn verlassen
Der war so lange gereist
Der gehörte hierher
Dann musste er hier bleiben
Helen: Laste es mir nicht an
Ich habe alles getan, was ich tun konnte
Wo ist Ypsilon?
(Chantal wäscht ihre Hände)
Chantal: Ich weiß es nicht
Helen: Der Konflikt hat uns abgestumpft, nicht wahr?
Du sprichst nicht wie vorher
Chantal: Lass uns heute früh ins Bett gehen
Helen: Oui
Chantal: Oui
(Sie jagen aneinander. Es ist schwer zu sagen, ob Chantal bedrohend ist und ob Helen es bemerkt)
Helen: Oui !
Chantal: Oui !
Helen: Küsse mich
Chantal: No
Helen: S’il te plaît
Chantal: Ich bin jetzt der Wolf und gehöre nicht mehr hierher
(Chantal geht zum Tür. )
Helen: Nonononononono
(Chantal verschwindet.)

Ende

für den Oktober 2017 24H Theater Veranstaltung in der Brotfabrik (Berlin) – geschrieben übernachts (Schauspielerinnen: Thea Rasche, Natalie Lund)

 

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